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Eröffnungsansprache zur Ausstellung „angekommen“

Vom 29. September bis zum 25. 11. findet in der Gemeinschaftsunterkunft in Bergshausen eine Ausstellung des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler Regionalverband Kassel statt. Eine sehr interessante Ausstellung an einem besonderen Ort. Ein Besuch kann ich empfehlen. Ich durfte die Eröffnungsansprache halten, die ich hiermit wiedergebe.

Eröffnungansprache
Steffen Andreae
zum Anhören als Audio-Datei

Wie alle Ausstellungen findet auch diese an einem Ort statt. Wüssten wir es nicht, könnte dieser Ort selbst ein Ausstellungsobjekt sein, Denn seine Wirkkraft ist enorm. Die Ausstellungsstücke, die sich darin befinden, müssen sich gegen diesen Rahmen behaupten. Für uns als Betrachtende erzeugt der Raum  elbst eine Linse, durch welche wir in die künstlerische Auseinandersetzung einsteigen. Manche von uns haben solche Räume schon gesehen, andere sind das erste Mal innerhalb der Mauern, in welchen das Ankommen zu einer ganz konkreten Matratze, einem Spind, einem Raum wird. Beide Räume, der große, der die Rahmen beinhaltet und selber einer ist, wie auch der geschaffene, wenige Quadratmeter große Raum sind sehr beeindruckend.

Dieser Raum ist nicht als Heimat gedacht, sondern als Zwischenstation auf einer Reise. Und doch ist er mehr als nur eine kurzer Rastplatz. Er ist auch ein Ort des Ankommens und sicherlich auch der Orientierung für den nächsten Schritt. Aber doch einer, der es verdient, gestaltet zu werden, denn Ankommen heißt auch Gestalten. Und Gestalten heißt auch, dass der Mensch sich wieder konkretisiert. So unterscheiden sich auch Orte dadurch, dass sich darin unsere Persönlichkeit zeigt. Und auch in diesem Sinne wurde jetzt hier in diesem Raum gestaltet.

Dieser Ort war die Fabrikationshalle eines Messebauers. Und so ist dieser Platz nun erneut eine Station auf einer Reise. In einer Fabrikationshalle eines Messebauers werden Messestände gebaut. Diese wiederum werden gebaut, damit Firmen auf Messen Produkte kaufen. Diese Produkte stellen sie in ihre Läden, damit Menschen sie kaufen. Je attraktiver die Stände sind, desto eher rücken sie das Produkt in ein gutes Licht, desto eher wird es gekauft und weiter gekauft und desto mehr trägt es zum Wachstum, zum Wohlstand, zur Konstruktion von Bedürfnissen bei und liefert so einen der Gründe, warum sich Menschen, die aufgebrochen sind, um irgendwo anzukommen, für dieses Land, für diese Stadt, für diese Fabrikationshalle entscheiden.

Zugleich ist das Herstellen von Messeständen ein Bestandteil einer Spirale des Verbrauchs und Verzehrs, des „Mehr“ und des „Weiter“, des „Höher“, des „Reicher“ und damit eben auch der Zerstörung. Es ist Bestandteil einer Spirale, deren sogartige Auswirkungen eben auch sind: Raubbau an der Natur, steigende Meeresspiegel, Landgrabbing, Geschäfte mit Despoten, Ausbeutung. Bestandteil der Spirale, die auch Kassel miteinbezieht, ist die Flucht selbst, ist das Aufbrechen-Müssen, ist das hektische Packen der wenigen Habseligkeiten, ist Trauma, ist Vergewaltigung, ist Sklaverei, ist Flucht in einem vollen Boot über ein stürmisches Meer, ist Frontex, ist Zaun, ist Mauer, ist Verfolgung, ist Angst, ist Ankommen.

Und deshalb ist es gut, dass wir alle jetzt hier stehen, in voller Verantwortung. Denn mit dem Blick hier auf die Fluchtfolgen, mit der künstlerischen Beschäftigung und Auseinandersetzung damit, sehen wir zugleich die Fluchtursachen. Wir wissen. Wir sind unentschuldbar, was diese Kenntnis anbelangt.

Mit den Menschen, die kommen, allein, zu zweit, als Familie, körperlich gesund, krank, innerlich geschunden, verletzt, ängstlich, voller Mut, die einen Rest Kraft zusammenkratzend, psychisch labil, traumatisiert, und immer noch voller Hoffnung, mit den Menschen, die nach ihrer Flucht oder währenddessen, hier landen, mit denen hängen wir zusammen – vor ihrer Flucht, denn wir schaufeln das Grab, aus dem sie steigen, und wir malen das Bild am Horizont, welches sie leitet. Die Dinge hängen zusammen. Wir sind Teil eines Netzes, in dem wir uns verstrickt haben, und wir können uns dem nicht entziehen.

„Ankommen“ – dieses Gegenstück zu „Fortgegangen“.

Wie oft haben wir in den letzten Wochen von der „Bekämpfung der Fluchtursachen“ gehört. Also es  soll, so klingt es zumindest, das bekämpft werden, was Flucht verursacht, weil die eigentliche Hoffnung auch die ist, dass Flucht überhaupt nicht mehr nötig sein wird. Es ist wie mit den Fäden: Die Dinge hängen miteinander zusammen. Unser konkretes Sein hier vor Ort, in dieser Stadt, in diesem Land, unser konkreter Konsum, unsere Weise zu leben, unser Verzehr und unser Verkehr, unser Satt-Sein in dieser Welt ist Fluchtursache.

Die Fluchtursachen schieben sich nicht in den Vordergrund, weil wir alle doch dieses oder das nächste wissen, dass wir auf unsere ganz konkrete Art von Lebensstandard werden verzichten müssen, wenn  wir das irgendwie hinbekommen wollen. Unser Satt-Sein basiert auf Verbrauch, Zerstörung und Ausbeutung. Ohne dass aus Verbrauch Gebrauch wird, ohne dass aus Zerstörung Bewahren und ohne
dass aus Ausbeutung Gleichberechtigung und Wertschätzung wird, bekommen wir die Ursachen nicht in den Griff. Und das sind systemische Fragen. Das sind keine Fragen, die uns die zur Wahl gestanden habenden und stehenden Alternativen beantworten, sondern es sind Fragen der Transzendenz.

Doch bei dieser Erkenntnis sind wir eben noch nicht angekommen. Es ist ja eher so, dass wir Mauern um uns herum bauen, weil wir denken, dann können wir die Tore kontrollieren und entscheiden, wer reinkommt und wer nicht und wer wie lange drin bleibt. Es ist absurd zu glauben, dass innerhalb der Mauer unser heutiger Wohlstand bleiben wird. Wenn wir die Freiheit, die wir genießen, als Teil unseres Wohlstands erklären, dann können wir nicht die Freiheit abschaffen und meinen, der Wohlstand bliebe bestehen. Doch weil wir dieser irrigen Annahme verfallen sind, fallen heute schon Schüsse, denn zuerst kommt der Zaun, dann kommt der Schuss. Schuss und Zaun sind nicht mehr  weg, sondern das ist da! Und so beenden wir diesen satten, historisch einmaligen Glücksmoment nicht nur vor der Mauer für diejenigen, die sich auf den Weg gemacht haben, sondern wir beenden ihn auch innerhalb der Mauern für uns selbst.

Wer Mauern um sich zieht, erhärtet. Wer sie höher baut, erkaltet im Innern.
Wer sie dicker baut, sendet die Kälte in die Welt.

Im Grunde geht um die Frage, die wir auch zukünftig uns selbst zu stellen haben:
Wo und wie denkst du dir die Zukunft, welche Erscheinung gibst du dem, was da auf dich zukommen soll, wie malst du es dir aus, das wünschenswerte Morgen – und was tust du heute, damit es so kommt? Wie gestaltest du? Wie unterstützt du Gestaltung?

Wenn die Flüchtende mit ihren Träumen nicht vor ihrer Zeit ist, wenn der Horizont nur blass ist, nur eine Linie, die nichts sagt, wenn sich die Hoffnungsbilder in einer endlosen Wiederholung nur als Spiegelung vom immer Gleichen zeigen, wenn der Zugang zur Gestaltung sich nicht laut und offensichtlich zeigt und anbietet, sondern wie ein fernes Tor am Horizont nur schemenhaft erscheint, wenn auf der Flucht die Persönlichkeit verschwindet und nur die nackte Existenz den Rest der Individualität darstellt, dann ist selbst die Erfüllung des Erhofften fremdbestimmt und dann wird der Mensch gestaltet, gestaltet aber nicht selbst. Ankommen ist auch die Wiedergewinnung der Gestaltungsmöglichkeit.

Aber auch für uns, die wir das Ankommen gestalten, wie hier konkret in diesen Räumen, gilt: Wenn wir mit unseren Träumen nicht „vor unserer Zeit“ sind, also in Gestaltung, wenn wir also stets im Hier und Jetzt uns aufhalten, dann gewinnt dasjenige, das uns wie ein riesiges Gewicht in den Sessel drückt. Erst einmal gewinnt dann das Bestehende gegen die Veränderung. Das Satt-Sein gewinnt gegen den Hunger.

Doch was sagen satte Menschen, die in einem satten Land leben, hungrigen Menschen? Etwa: „Herzlich willkommen in dieser berauschenden Idylle?“ Keine Bomben schlagen in hörbarer Nähe ein, während wir auf Ausstellungseröffnungen stehen. Aus dem Hahn kommt Wasser und das Licht flackert nicht. Der Strom kommt erwartbar aus der Steckdose. Wenn wir die Suche nach den Fluchtursachen ernst nehmen, dann muss uns gewahr werden: Schon dieses Wenige ist Ausdruck einer ungleichen Verteilung aller Güter auf diesem Planeten. Das ist nicht gottgegeben, sondern das haben wir erreicht, geschaffen, gemacht. Es ist Menschenwerk. Unsere Sattheit hat zum Gegenstück den Hunger auf der Welt. Unser Sattsein hat zum Gegenstück die Flucht und der Nachtisch ist das Ankommen. Es ist das Menü, welches wir bestellt haben und welches uns jetzt manchmal im Hals stecken bleibt. Es ist das Menü, welches wir immer wieder und immer wieder und immer wieder bestellen!

Es braucht nicht viel Nachdenken, um zu erkennen, dass der Umstand, dass es auf der einen Seite die Satten und auf der anderen Seite die Hungernden gibt, dass es auf der einen Seite die Reichen und auf der anderen die Armen gibt, dass es auf der einen Seite diejenigen gibt, die sich mit Mauern schützen, damit sie nichts von dem abgeben müssen, was sie haben, und auf der anderen Seite diejenigen, die die Mauern überwinden müssen, weil ihnen sonst nur noch der Tod Gesellschaft leistet, dass diese Umstände Teil des Problems, wenn nicht sogar Kern der Ursache sind. Es braucht nur Ehrlichkeit, um sich einzugestehen, dass wir diesen Umstand nicht mehr korrigieren können, wenn wir an an den das Elend verursachenden Strukturen nichts verändern, wenn wir hier, wenn wir vor Ort, wenn wir bei uns nichts ändern.

Wer auf seiner Flucht tot am Boden des Meeres angekommen ist, ertränkt die Hoffnung. Hoffnung  wird auf diese Weise ein Gegenstück zur trügerischen Sicherheit, sie ist Bild, sie ist ein bloßes Konstrukt. In der Hoffnung kommt keiner an. Hoffnung ist ein Nährboden, auf dem Zuversicht entstehen kann, auf dem Sperrholzwände zu Räumen gestellt werden, in denen Betten installiert sind, auf denen Decken liegen, die wärmen.

Angekommen. Angekommen? Diese Frage ist eine Handlungsaufforderung, kein Freibrief für das selbstgerechte satte Hoffen in einem Fernsehsessel. Wer nur hofft, bewegt sich nicht, müssen sich die Satten sagen lassen. Wer nur hofft und sich nicht bewegt, verhungert, sagen die Hungernden. Hoffnung ist immer auch Ausdruck mangelnder Gestaltungsmöglichkeit, durch was auch immer diese begrenzt ist.

Diese Ausstellung, jedes einzelne Kunstwerk ist die Auseinandersetzung mit einer Aufgabe, einer der größten, die wir seit Langem zu bewältigen haben. Diese Aufgabe plädiert an unsere Humanität, sie fordert einen Tribut, sie stellt unsere Menschlichkeit ganz grundsätzlich in Frage. So werden wir hier, in unsere eigenen Auseinandersetzung mit dem Raum und der Gestaltung, mit der Kunst und den Aussagen, so werden wir hier durch die Kunst auf uns, unsere Menschlichkeit, unser Gerechtigkeitsgefühl, unsere Verantwortung zurückgeworfen. Darin liegt immer wieder die enorme Kraft von Kunst, dass sie uns nämlich in Beziehung setzen kann mit dem, was sie zeigt. Und sie befragt uns. Heute gibt es keine Mauer, die so hoch wäre, dass wir vor dieser Frage, die in dieser Ausstellung auftaucht, flüchten könnten. Die von uns erzeugte Fluchtrealität in dieser Welt zwingt uns zu einer Antwort: Angekommen?

Sind wir angekommen in einer Zivilisation, die in der Realität das ist, was sie in der Theorie behauptet? Sind wir angekommen in einer Mitmenschlichkeit, die trägt? Sind wir angekommen im Miteinander oder bleiben wir – auf ewig verdammt – in der Logik des Gegeneinanders und des Profits auf Kosten anderer gefangen? Haben wir noch die Hoffnung, dass wir die Hoffnung, die uns begegnet in konkreter Person, durch die Person, der wir diesen kleinen Raum zeigen, diese kleine Kabine, haben wir noch Hoffnung, dass wir zu mehr in der Lage sind, als eben diese Hoffnung zu enttäuschen? Haben wir die Kraft und den Mut, die Hände unseres Gegenüber zu ergreifen, nach seiner Flucht, ihm in die Augen zu sehen und zu sagen: Du bist angekommen!

http://www.bbk-kassel.de/ausstellungen_jahrgaenge/2017/angekommen/Eroeffnungsansprache_Steffen-Andreae.pdf

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