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Gehen, Ging, Gegangen – ein Buchtipp

cover erpenbeck

Ein lesenswertes Buch und daher heute meine Buchempfehlung. Die Kritiken sind sich uneins, der Spiegel schreibt dazu:

Statt die Geschichten der Geflüchteten in den Vordergrund zu stellen, wird „Gehen, ging, gegangen“ von einem Wohlstandsbürger dominiert, der sich weltoffen und aufgeklärt fühlt und die eigene, von Ressentiments durchsetzte Ignoranz nicht bemerkt. Erpenbecks Roman ist ein klassischer Pressetitel, auf Feuilletons und Preisjurys zugeschrieben; anders gesagt: auf Leser zugeschrieben, die sich in Richard wiederfinden werden.

Eben darum empfehle ich es als gutes Buch zum Verschenken. Denn die kennen wir ja alle (und oft erkennen wir sie in uns): Diejenigen, die voller Ressentiments und naiv gut meinend, trotz ihres Bildungsbürgerniveaus der Ansicht sind, dass wir doch jetzt erstmal das deutsche Volk schützen müssten, wie mir jüngst ein Gemeindevertreter aus Kaufungen sagte. Aber es eben genau so nicht gemeint haben.

Oft höre ich von irgendwelchen Neunmalklugen, dass die Afrikaner doch nicht zu uns kommen sollten, sondern ihre Probleme zu Hause angehen müssten. Dazu sagt Richard, der Protagonist von Jenny Erpenbecks Buch „Gehen, Ging, Gegangen“:

Die Probleme lieber in Afrika lösen. Richard stellt sich einen Moment lang vor, wie ein Erledigungszettel für die Männer, die er in den letzten Monaten hier kennengelernt hat, aussehen müsste.

Während auf seinem eigenen Zettel zum Beispiel stünde

  • Monteur für Reparatur Geschirrspüler bestellen
  • Termin beim Urologen ausmachen
  • Zähler ablesen

würde auf der Erledigungsliste von Koran stattdessen sehen:

  • Korruption, Vetternwirtschaft und Kinderarbeit in Ghana abschaffen

Oder bei Apoll:

  • Klage gegen den Konzern Areva (Frankreich) einreichen
  • neue Regierung in Niger einsetzen, die sich durch ausländische Investoren nicht bestechen oder erpressen lässt
  • unabhängigen Tuareg-Staat Azawad gründen (mit Yussuf besprechen)

Und bei Raschid stünde da

  • Christen und Muslime in Nigeria miteinander versöhnen
  • Boko Haram davon überzeugen, die Waffen niederzulegen.

Unser Verrat der Menschenrechte

IESM_pixelio.de

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Der Migrationsforscher Kamel Dorai äußert sich in einem interessanten Interview in der Schweizer Tageswoche zum Thema Flüchtlinge. Bemerkenswert und hier dargestellt sind seine Anmerkungen zu den Menschenrechten. Die grundlegende Frage bleibt, ob wir in Europa oder ob die Menschen in Deutschland wirklich an der Bewahrung der Menschenrechte interessiert sind. Laut Dorai sind wir derzeit dabei, unsere Stimme in Sachen Menschenrechte zu verlieren. Und das, weil wir meinen, unseren Wohlstand, den wir zum großen Teil auf Kosten derjenigen, die nun zu uns fliehen, erworben haben, verteidigen zu müssen und dabei eben bereit sind, Werte zu mißachten und zu verraten.

Was sagen Ihre Freunde und Nachbarn in Jordanien über die aktuelle EU-Flüchtlingspolitik?

Sie lachen und fragen: Welche Flüchtlingskrise? 30 Länder – die 28 EU-Staaten plus Norwegen und die Schweiz – haben gemeinsam weniger Flüchtlinge aufgenommen als Jordanien. Fast drei Millionen Menschen, die Hälfte der Bevölkerung Jordaniens, sind Flüchtlinge aus Palästina, Irak oder Syrien. Die Jordanier sehen in den Medien, wie Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, und fragen sich: Wie konnte es so weit kommen, dass die Staaten, die sich als Verfechter der Menschenrechte gebärden, so etwas zulassen? Abgesehen von den Menschen, die auf der Flucht sterben, ist das für mich die schlimmste Konsequenz der aktuellen EU-Politik. Niemand im Nahen Osten glaubt mehr an Europas Rolle als Hüter der Menschenrechte.

Werden andere Akteure dieses moralische Vakuum füllen?

Ja, zum Beispiel Saudi-Arabien oder Katar. Staaten, die mit Geld um sich werfen und damit ihre eigenen Werte bewerben. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben im Norden Jordaniens mit viel Geld ein makelloses Flüchtlingslager bauen lassen. Die Menschen sehen das; sie merken sich, wer dafür bezahlt hat. Doch mit dem Geschenk ist die Anerkennung bestimmter Werte verbunden; schliesslich hat auch Europa seine Entwicklungshilfe stets an die Wahrung der Menschenrechte gekoppelt. In Zukunft wird Hilfe aber vielleicht nicht mehr an Werte gekoppelt, die Europa wichtig sind.