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3-Generationen-Gespräche
„Richtung ändern!“

Christine Becker / pixelio.de
Christine Becker / pixelio.de

Die Idee dieser Gespräche ist, dass Menschen in Kon­takt mitein­ander kom­men, die sonst nicht miteinan­der in Kon­takt treten. Auch in unserem Ort gibt es Grenzen, die durch Schichtzugehö­rigkeiten, durch fi­nanzielle Stan­dards und durch die Herkunft de­finiert werden und nur schwer zu überwinden sind. Bei den Ge­sprächen treffen durch Zufall zusammen gekom­mene Perso­nen aufeinander und treten in einen Aus­tausch. Eine wichti­ge Grenze, die mit diesen Gesprä­chen durchbrochen wird, ist die Ge­nerationengrenze. In einer älter werden­den Gesellschaft ist eine gelebte Ver­ständigung zwi­schen den Generation­en ein wich­tiges Element für eine lebendige Gemeinde. Damit folgt der Vorschlag einer Leit­bildformulierung, die in ei­nem Bürgerbeteiligungs­prozess in der Ge­meinde Kaufungen 2009 entwickelt wurde: „Kaufungen wird als Gemeinde von und für alle Generationen ge­staltet.“ Wenn sich die Gemeindevertret­ung und die Verwaltung auch an einem sol­chen Austausch beteili­gen würden, wie ich es in der folgenden Er­zählung unterstellt habe, dann würde viel Verständnis für die Struktu­ren in diesem Ort entste­hen und es wäre auch noch leich­ter mög­lich von Seiten der Verwaltung die Bedürfnisse der Men­schen in den Blick zu bekom­men. Um die Idee zu veranschauli­chen, schil­dere ich im Folgenden ein solches Gespräch.

Heute erscheint „3-Generationen-Gespräche“
S. 110 bis 114 von „Richtung Ändern!“ – Das Buch zur Wahl
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Einleitend folgenden Gedanken:
Wie viel Gemeinschaft braucht der Mensch? Und wie viel Berei­cherung und wie viel Auseinandersetzung und wie viel Gespräch und wie viel Geräusch und an­dere Gesich­ter und Austausch? Wie viele Schultern brauchen wir, um uns anzulehnen, und wie viele Oh­ren, die unse­re Ge­schichten hören? Wie oft wünschen wir uns, dass jemand da ist und dann ist keiner da? So viel Gemeinschaft brauchen wir, so viel, dass näm­lich jemand da ist, wenn wir ihn brauchen.

Das nun folgende 3-Generationen-Gespräch wird aus Sicht einer 19–jährigen Frau erzählt. Die Gedanken der jungen Frau sind kur­siv dargestellt. Sie nimmt das erste Mal an einem solchen Ge­spräch teil. Wäh­rend dem Ge­spräch werden die Informationsblät­ter vorgelesen, die die Gemeinde denjenigen an die Hand gibt, die ein sol­ches Gespräch ausrichten.

Oh je! Bin ich nervös. Mein erstes. Paul meint, er war schon bei fünf Ge­sprächen. Angeber. Isabel ist auch schon mal bei ei­nem gewesen. Ein 3-Generationen-Gespräch. Ich hatte mich erst vor einer Woche auf der In­ternetseite der Gemeinde ange­meldet. „Reden wir mal!“ heißt der Link. Dort habe ich mei­nen Namen und mein Alter ange­geben und der Com­puter hat dann zwei Per­sonen ausgesucht, die sich auch angemel­det ha­ben. Ich bin 19 Jahre alt, die zweite Person heißt Sabine und die dritte Frank. Der ist schon 80 Jahre alt und Sabine ist 37. Darum heißt das auch 3-Gene­rationen-Gespräche. Der Com­puter ver­mittelt einen nur an Leute aus anderen Generatio­nen. Paul meinte, dass die Ge­spräche nur eineinhalb Stunden dauern. So steht es auch im Infoblatt.

Das Treffen findet bei Sabine statt. Sie wohnt in einer WG in der Langen Straße. Wenn ich es richtig verstanden habe, fin­den die Gespräche im­mer bei der Person statt, die aus der mittleren Ge­neration kommt. Ich hab also noch ein bisschen Zeit. Aber ver­mutlich macht mir das eh kei­nen Spaß.

Es ist 17 Uhr. Die Klingel macht einen ungewohnten Ton. Sa­bine macht auf und wir gehen in die Küche. Dort sitzt Frank. Ich glau­be, dass ich ihn schon in der Dorfschen­ke gesehen habe. „Was willst du trinken?“ fragt Sabine. „Einen Apfel­saft.“ Auf dem Tisch liegen die Infoblätter. Das ist gut, weil dann kann ich erst mal le­sen. Eh, ich bin echt nervös. Ich nehme mir das Infoblatt und be­ginne zu le­sen.

Infoblatt für die 3-Generationen-Gespräche

Schön, dass Sie eines der 3-Generationen-Gespräche nut­zen.

Die Gespräche dienen dazu, innerhalb des Dorfes ein bes­seres Verständnis für die Wünsche, Ideen, Hoffnung­en, Sorgen, Nöte der andern Generationen auf­bauen zu kön­nen. Wir konnten in den letzten Jahren beobachten, dass die 3-Generationen-Gesprä­che eine nützliche Grundlage sind, wenn wir Entschei­dungen tref­fen müs­sen, die meh­rere Generationen betreffen. Durch die Ge­spräche ist auch eine neue Hilfsbereit­schaft eingekehrt. Alle Mitar­beiter*innen der Verwal­tung und auch die ge­samte Ge­meindevertretung und der Gemein­devorstand nehmen einmal im Monat an den Gesprächen teil. Auch dies dient dazu, mehr Bür­gernähe und Vertrautheit nach Kaufungen zu brin­gen.

Dass die Verwaltung daran teilnimmt, finde ich gut. Ich denke, wenn ich mal mit je­mand vom Rathaus bei einem Gespräch bin, dann würde ich mich beim nächsten Be­such in der Verwaltung si­cherlich wohler fühlen.

Ablauf

Selbstverständlich können Sie die kommenden eineinhalb Stun­den so fül­len, wie Sie möchten. Sie können auch gerne drei oder vier Stun­den daraus machen. Aber wir haben die Er­fahrung gemacht, dass diese kleine Hilfestellung vielen Grup­pen weiterhilft. Daher em­pfehlen wir Ihnen auf je­den Fall die ersten beiden Run­den und dann be­sprechen Sie kurz gemeinsam, wie es weitergeht. Also mit Runde drei oder vier oder mit ei­ner anderen Idee.

Runde 1

Erzählen Sie den anderen, wer Sie sind, wo Sie woh­nen. Nehmen Sie sich zwei Minuten dafür Zeit. Sie haben von der Ge­meinde für dieses Gespräch eine der Kau­funger Sanduhren erhal­ten, die eine Laufzeit von  zwei Minuten hat. Nehmen Sie sich jeweils die­se zwei Minu­ten. Die gastge­bende Person beginnt, dann im Uhr­zeiger­sinn.

Das ist gut, dass Sabine anfängt. So kann ich erstmal zuhör­en. Dann ist es aber leicht. Ich erzähle ein bisschen von mir und was gerade so in der Schule läuft. Und der alte Frank, der lieber Franky genannt wird, dem reichen die 2 Minuten über­haupt nicht, aber er fasst sich dann doch am Ende kurz. Wir lesen weiter:

Runde 2

Vielleicht kennen Sie sich schon. Oder zwei kennen sich und der dritte kennt niemanden. Wenn Sie sich gegenseitig nicht kennen, dann machen Sie sich ge­meinsam auf die Suche nach den Verknüpfung­en. Es ist wie ein Detektivspiel. Wo gehen Sie ein­kaufen? Wo arbeiten Sie? Ach in dem Laden. Da kenne ich die Frau Meier, die verkauft dort immer am Sams­tag. Hat die lan­ge blonde Haare? Ja, genau. Ja, die Frau Meier, die kenne ich auch. Da ist meist nur eine oder zwei Personen zwi­schendrin und schon kennt man sich quasi persön­lich.

Wenn zwei sich kennen, dann stellen Sie sich doch ge­meinsam der dritten Per­son vor. Wir kennen uns von da und da. Die Frau Schneider wohnt in einem großen Haus in der Kellerstraße. Und der David, der wohnt in dem kleinen Haus neben der Kirche. Ma­chen Sie Ihr persönliches Netz sichtbar.

Ach wie spannend. Die Sabine, die hat eine Tochter, die geht in die Par­allelklasse vom Paul. Und der Frank hat mir erzählt, dass meine Mutter mittwochabends nach dem Chor immer in die Knei­pe geht, in der er ar­beitet. Und mich kennt der Frank eben auch, weil meine Mutter mal von mir erzählt hat. Die Runde zwei ist echt lustig.

Runde 3

Sprechen Sie über Ihre Hobbies. Was sammeln Sie, was machen Sie gerne. Le­sen Sie Bücher? Hören Sie Musik? Es würde uns sehr freuen, wenn Sie Ihren Freunden und Bekann­ten von den 3-Generationen-Gesprächen erzäh­len würden. Auf­grund der Teilnahme der Ver­waltung und der Mitarbeiter*innen der Gemeinde wissen wir, dass wir einen sehr guten Einblick in die konkreten Be­lange der Gemeinde erhalten.

Wir wissen aber auch von vielen Berichten, dass diese Ge­spräche insgesamt auf das Klima im Dorf abfärben. Es existiert viel Ver­ständnis für die Sorgen und Belan­ge der Anderen. Das merkt man. Das tut uns allen gut.

Ich spiele Fußball und Basketball. Sabine liest gerne philosophis­che Bü­cher und Frank geht gerne mit dem Hund von sei­nem Nachbarn spazie­ren. Und außerdem hat er einen Garten und hat gefragt, ob ich ihm mal helfen könne. Ich glaube mit Paul und Isa­bell werde ich mal in den Gar­ten gehen. Mit Paul war der alte Franky auch schon mal in ei­nem Ge­spräch. Er meinte, wir könn­ten dann auch mal sei­nen Grill benutzen. Das fängt ja gut an mit den Gesprä­chen. Vermutlich melde ich mich in der nächsten Wo­che wieder an.

Um diese Gespräche zu verwirklichen, braucht es nicht viel. Das ganze muss koordiniert werden, was aber nur ein geringes Pro­blem sein wird. Es kostet wohl auch ein biss­chen Geld, weil Perso­nal damit beschäftigt sein wird und mögli­cherweise wird das mit ei­ner Software erle­digt, die noch ent­wickelt werden muss. Wie viele Ideen, die die Kultur in ei­ner Ge­meinde verän­dern, könnte das auch aus der Zivilge­sellschaft her­aus verwirklicht werden. Aber wie bei ebenso vielen Ideen, ist die hauptamtliche Unterstüt­zung hilfreich und för­dernd.

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