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Bürgerbeteiligung
(Teil 2)
„Richtung ändern!“

Muss unser Lebenskomfort reduziert werden? Das ist die große Sorge vieler Menschen, dass es nämlich ein Weni­ger geben wird, ein Einschränken, Ver­zicht eben. Das droht so sehr über allem Politi­schen, dass sich keine Partei mehr traut davon zu sprechen. Das ist ein Knock­Out in der Politik, so was wird nicht gesagt. Für Bünd­nis90/Die Grünen hat sich die berechtigte Forde­rung nach ei­nem Veggie-Day in der eigenen parteiinternen Wahrnehmung so negativ ent­wickelt, dass diese Partei meines Er­achtens am Wenigsten dazu in der Lage ist, hier mit ehr­lichen Worten Politik machen zu kön­nen. Niemand möchte da­mit in Verbindung gebracht wer­den. Zwar glaubt kaum eine Politikerin und kaum ein Politiker, dass es ohne Ver­zicht geht. Aber die Politik fürchtet die Vokabel Verzicht wie der Teufel das Weihwasser. Offizi­ell glauben wir also weiter­hin dar­an, dass es ohne Ver­zicht geht. Und mit Gläubigen brau­chen manche Dinge nicht diskutiert zu werden. Weil es aber nicht möglich ist, auf diese Debatte zu verzichten, ist das hier der richti­ge Ort, um sie zu füh­ren. Der wissenschaftliche Beirat der Bundes­regierung drückt das folgendermaßen aus: „Das Bewusst­sein der Grenzen des Wachstums leitet den Blick so­mit nicht allein auf na­türliche Grenzen von Res­sourcen, Belastungen, Emissionen usw., sondern auch auf die möglichen Folgen unbegrenzten Wachstums für die individuelle Freiheit künftiger Generationen. Selbstbeschränkungen heute, etwa bei der Quantität und Her­kunft von Konsumgütern und Dienstleistun­gen, sichern künftige Handlungschancen, die bei län­gerem Zuwarten mit ho­her Wahrscheinlichk­eit nicht mehr gegeben sein werden. Bei genauerer Betracht­ung ergibt sich also, dass heute auf den ersten Blick als Ver­zicht wahrge­nommene Beschränkungen dazu führen können, dass die­se künftig lebende In­dividuen und Gesellschaften entlas­ten, ohne heutigen Generationen über­mäßige Einschränkungen und Kos­ten aufzuerle­gen.“(1) Anders herum formu­liert: Wer sich heute gegen Verzicht wehrt, will eben im Grun­de, dass andere an an­deren Orten oder zu anderen Zei­ten verzichten sollen.

Heute erscheint „Bürgerbeteiligung (Teil 2)“
S. 79 bis 86 von „Richtung Ändern!“ – Das Buch zur Wahl
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Werden die Kürzungen im Finanzbereich also dazu füh­ren, dass wir weniger Lebenskomfort haben müs­sen? Eine Gegenfrage könnte sein: Und wäre das denn schlimm? Sollten Sie diesen Text jetzt gerade in Ihren privaten Räu­men lesen, dann schauen Sie sich um und betrachten Sie genau, was Sie sehen. Sie se­hen neben vie­len Dingen, die Ihnen wichtig sind, noch viel mehr Din­ge, die Sie nicht benötigen. Ihre Lebensqualität würde nicht sinken, wenn Sie diese Dinge nicht um sich hätten. Vielleicht entdecken Sie auch Gegenstände, die Sie zwar gelegentlich benutz­en, aber die Sie durchaus auch mit anderen Men­schen teilen könnten. Sie lesen jetzt vermut­lich nicht in Ih­rem Hobby­raum, aber die Bohrmaschi­ne, die dort liegt, wird im Durchschnitt weni­ger als eine Stunde benutzt – im Jahr(2).

uschi dreiucker_pixelio.de
uschi dreiucker_pixelio.de

Es spricht sogar einiges dafür, dass die Redu­zierung der Menge der Dinge uns Zeit gibt, was uns die Möglich­keit gibt, der Demokratie­patsche entkommen zu kön­nen: Eine De­mokratie zu wollen, aber kei­ne Zeit für sie zu haben. Denn Demo­kratie ist ein zeitaufwändiger Prozess, es geht nicht um TED Ab­stimmungen, sondern es geht um Pro­zesse des Aus­handelns, es geht darum, eine eigene Positio­n zu entwickeln und sich Klarheit zu verschaffen. Dieser Prozess ist aufwändig und durch eine zu­nehmende Plura­lisierung verlangsamt er sich zuneh­mend. Daher zeichnen sich die kommen­den wesentli­chen Jahre auch durch eine neue Zeitnahme aus.

Also auf Zeit sollten wir nicht, auf manchen Komfort je­doch könn­ten wir gut und leicht verzichten. Zumal ein Verzicht auf den uns gewohnten Komfort auch heißen kann, dass wir dadurch eben einen anderen Komfort ge­winnen. Es ist komfortabel, dass ich die benötigt­e Bohrmaschine bei mir zu Hause finden kann und nicht in den Ort gehen muss, um sie mir dort im Ver­leihladen abzuholen. Die ist zwar besser und gepflegt, einen so blöden Wackel­kontakt, wie meine Bohrmaschine hat sie auch nicht, aber es ist eben doch ein zusätzlicher Weg.

„Wobei? Wenn ich Zeit hätte und den Spa­ziergang ge­nösse, wenn ich mich daran freuen würde, dass ich im Laden je­mand anderen treffe und wir noch gemein­sam eine Tasse Tee auf dem Wochenmarkt zu uns nehmen wür­den?“

Wenn wir schöne Bilder im Kopf haben, dann wird es ir­gendwann über­haupt nicht mehr so leicht, den Komfortge­winn durch die ei­gene Bohrmaschi­ne wei­ter zu behaupten.

Mit der Bohrmaschine haben sich schon viele beschäf­tigt, die sich Gedanken über die Transformation ma­chen. Weil die Geschichte so interessant ist und gut erzählt, überneh­me ich im Folgenden einen längeren Abschnitt aus dem Buch: Selbst Denken von Ha­rald Welzer.(3) Die­ses sehr lohnende Buch wird kosten­günstig auch von der Bundes­zentrale für politische Bildung vertrieben.

„Ihre Bohrmaschine ist kaputt. Also setzen Sie sich an den Com­puter, klicken auf otto.de: Sie wollen sich das aktuelle Angebot zeigen lassen. Aber zu Ihrer großen Überraschung bekommen Sie kein einziges Produkt ge­zeigt, nachdem Sie „Bohrmaschi­ne“ in die Such­maske getippt haben, stattdessen werden Sie ge­fragt: „Warum möchten Sie eine neue Bohrmaschine kau­fen?“ Erstaunt ant­worten Sie: „Weil meine defekt ist.“ Nächste Fra­ge: „Worin be­steht der Defekt? Er lässt sich möglicher­weise be­heben.“ Auf Ihre Antwort, dass das Gerät ein­fach überhaupt nicht mehr tut, nennt Ihnen otto.de eine Rei­he von Adressen: „Wir empfehlen Ihnen die folgenden Elektriker in Ihrer Nähe, die als Vertrags­partner mit Otto zusammenar­beiten. Möchten Sie, dass wir einen Kontakt zu einem Reparateur herstellen?“ Sie antworten: „Nein! Zei­gen Sie mir bitte Pro­dukte.“ Darauf­hin werden, wie Sie es gleich zu An­fang erwartet hatten, end­lich alle ver­fügbaren Bohrmaschinen ge­zeigt.

Eine ganz neue von Bosch sieht am besten aus, ein Bohrhammer mit ordent­lich Durchschlagskraft, dazu nied­rigste Geräusch- und Effizienzklasse. 319 Euro. Was soll’s? Man kauft so ein Ding ja nicht alle Tage. Also kau­fen? Kau­fen. Statt nun aber auf Ihren Klick hin die Ma­schine „in den Warenkorb“ zu le­gen, fragt otto.de schon wieder etwas: „Wie oft benutzen Sie Ihre Bohrmaschi­ne durch­schnittlich pro Jahr?“ Sie überlegen. Gute Frage. Na, so vier-, fünf­mal werden es schon sein. Allmählich sind Sie gespannt, was nun als Nächstes kommt. Otto teilt mit: „Unsere Berater*in­nen sind der Auf­fassung, dass es sich bei Ih­rer Nutzungsfre­quenz nicht lohnt, so eine Maschine zu kau­fen. In Ihrer Nachbar­schaft hat eine Person un­längst die gleiche Maschine ge­kauft und sich als Leih­geber registrieren lassen. Sie kön­nen die Maschine bei ihm ausleihen.“ Das wird ja immer besser, denken Sie. Wer ver­leiht denn seine Bohrmaschi­ne? „Möchten Sie diese Option wäh­len? Wünschen Sie den Kon­takt?“ Klar wünschen Sie den Kontakt, jetzt schon aus Neu­gier. Otto berechnet 3,95 Euro für die Vermitt­lung, fairer Preis. Und bietet die kostenfreie Abho­lung der defek­ten Maschine an. Jetzt haben Sie 315,05 Euro gespart. Und eine Last weniger. Auf dem Bild­schirm erscheinen die Kontaktdaten des Leihge­bers. Der Näumann! Hab ich mir gedacht, denken Sie, der hat so­wieso alles. Aber super, mit dem wollte ich längst mal wieder plauderen. … Sie klicken auf „Beenden“. Auf dem Bild­schirm erscheint: „Vielen Dank, dass Sie bei Otto gefragt haben! Übri­gens Kunden, die die von Ihnen gewünschte Bohrmaschi­ne ebenfalls nicht ge­kauft ha­ben, haben auch folgende Artikel nicht ge­kauft. Ak­kuschrauber Bosch PX17, Winkelschleifer Black & De­cker WS 34/3, Werk­zeugkoffer Konfix XL.“

So geht Inter­net der Dinge. Solche Geschichten brauchen wir und mutige Men­schen, die solche Ideen Wirklichkeit werden lassen. Oder eben einen Markt­platz und eine Tauschkultur und mehr Kommunikati­on.

Doch erst mal und derzeit gilt: Wir wollen den Kom­fort, an den wir uns ge­wöhnt haben. Und leider ha­ben wir ver­gessen danach zu fragen, ob es noch ande­re Komfortgrößen gibt. Es wird jedoch dazu kommen, dass wir uns um­stellen müssen. Und davon ausge­hend, sollten wir uns darauf einstellen, denn die fi­nanziellen Mit­tel wer­den noch weiter eingeschränkt werden. Und diese öffentli­chen Gelder haben irgend­wann in der Kette der ge­genseitigen Be­dingungen et­was mit der Bohrmaschine zu tun.

Und genau das müssen wir erläutern. Auch die Schwie­rigkeit, die darin liegt. Und eine der ersten Schwierigkei­ten ist schon die Ver­wendung des Wortes „Verzicht“. Zwar sind viele von uns in der Lage und auch gewillt, z.B. für Freunde auf etwas zu verzich­ten. Doch Verzicht als so­ziales und ökologisches Han­deln zu be­greifen und dieses Handeln auch noch po­sitiv zu deu­ten, ge­lingt den We­nigsten, weshalb das Wort „Verzicht“ ungern verwendet wird. Genau an dieser Stelle ist pro­fessionelle Vermittlung gefragt. Es muss glücken, diese positive Deutung den Menschen zu vermitteln, denn ohne diese  ist die Trans­formation nicht zu schaffen. Ein „Von Oben nach Un­ten“ Ansatz, eine Verordnung kann nicht gelingen und fällt darüber hin­aus durch das Wahl der Mittel schon hin­ter das Ziel zu­rück, wel­ches erreicht werden soll.

In ihrem Buch „Transformationsdesign“ schlagen die Au­toren vier Strategien vor, die sich gegenseitig ergänz­end eingeschlagen wer­den sollten, um die Bewegungsgeschwindigkeit zu reduzieren. Diese Strategien wenden die Autoren auf den Bereich der Mobili­tät an. Es geht ih­nen darum, Bereiche alltägli­cher Lebensführung zu identifi­zieren, die einer Verän­derung in den anstehen­den Jah­ren des Wandels be­dürfen. Anwenden lassen sich diese Stra­tegien jedoch auf die unterschiedlichsten Berei­che: Es geht generell um innehalten, aufhö­ren, zurückge­hen, an­kommen. Zur Strategie „zu­rückgehen“ schreiben sie: „In einer Kultur, die den Kern ihrer Existenz im Er­reichen men­genmäßiger Ausdehnungen sieht, werden Rück­kehr und Rückbau als Zurückfallen hinter das ein­mal Er­reichte betrachtet, auch dann, wenn das Erreichte hinsicht­lich der Ressour­cenzerstörung die Vorausset­zung seiner eigenen Existenz ruiniert. Sich langsa­mer oder gar nicht mehr zu bewegen, zu Hause zu bleiben, Ge­sellungs- und Vergemeinschaftsformen zu entwi­ckeln, die keine Überwindung räumlicher Distanzen voraus­setzen, stellen demgegenüber ganz neue Herausf­orderungen dar. Ihre Bewältigung kann aber mit enor­men Gewinnen an Zeit und erhebli­chen Reduk­tionen an Mobilitätsaufwänden einhergehen. Zurück­gehen bedeu­tet, eine einmal erreichte Funktionsebene zum Ornament zu machen und zu einer überzüchte­ten beziehungswei­se dysfunktional werdenden Entwick­lungsstufe zu erklä­ren“.(4)

In der Tat leben wir heute bereits in einer Verzichtsgesells­chaft. Wir verzichten darauf, dass alle Menschen Zu­gang zu Nahrung, Bildung und Wohnraum ha­ben. Wir verzich­ten auf gesunde Bö­den und saubere Luft. Wir verzichten auf die Ruhe und Gelassen­heit einer ent­schleunigten Ge­sellschaft. Wir verzichten auf gesun­des Essen und fleisch­arme Kost. Wir verzichten auf eine Bil­dung, die uns vorbereitet auf eine Postwachstumsgesells­chaft. Wir ver­zichten auf eine rei­che Medienlandschaft und wir verzich­ten auf den Kon­takt, der sich ergibt, wenn wir auf einem belebten Markt ste­hen. All diesen Verzicht nehmen wir einfach so hin. So schlimm kann es also gar nicht sein. Von diesem Ver­zicht wird zu wenig gesprochen.
Eine der Herausforderungen, vor der wir stehen, ist es, motivieren­de Visionen zu finden. Für den vor uns stehend­en Umbau müssen wir begeistern und nicht ängsti­gen. Es wird daher auch darum ge­hen, Mög­lichkeiten darzu­stellen, wie sich die eigene Si­tuation durch Verän­derung unserer Kultur ver­bessern kann. Zugleich je­doch – so ist der verständli­che Wunsch vie­ler – sollte sich das Lebensniveau nicht verrin­gern. Hilfreich ist hier das Tei­len von Gütern. Persön­lich teile ich mein Auto mit sechs anderen Kau­funger*innen. Der Wohnwagen, mit dem ich im letz­ten Som­mer eine Woche im Ur­laub war, ist von Freunden aus­geliehen. Ich weiß nicht, wie viele Wohnwägen und Autos und Wohnmobile es in Kaufun­gen gibt. Aber ich weiß ganz genau, dass hier mehr ge­bundenes Kapital her­umsteht, als nötig ist und real so­gar mehr, als wir uns als Gesamt­heit leisten kön­nen. Al­leine der Wunsch, die Din­ge privat zu nutzen, zwingt uns zur eigenen Anschaffung. (Hierbei han­delt es sich nur sehr grob um einen Wunsch. Richtiger ist es, diesen Wunsch als ein von der Industrie ge­formtes Bedürf­nis darzustel­len. Nur durch die zusätzlic­he Erzeugung die­ser Be­dürfnisse kön­nen heute noch Produkte hergestellt werden, die auf ein Bedürf­nis treffen und da­durch Legi­timation erhalten.) Heute schon teilen vie­le Men­schen z.B. ihr Wohnmobil mit einer anderen Fa­milie. Rasenmäh­er wer­den ausgelieh­en und oft wäscht eine Hand die an­dere. Aber den­noch schwebt über al­lem wei­terhin der Geist des privaten Besit­zes. Für ein Wirt­schaftssystem, wel­ches auf Wachs­tum und zuneh­menden Ver­brauch setzt, macht diese Prägung auch Sinn. Doch eigentlich sind wir schon darüber hin­aus.

(1) WBGU a.a.O. S.84 – interessant ist auch die Formulierung „übermäßige Einschränkungen“. Der Beirat sagt also deutlich, dass es Ein­schränkungen geben wird, mäßige zwar, aber Einschränkun­gen. Das ist das gute an solchen Beiräten: Sie beraten, sie wollen nicht gewählt werden.
(2) Tatsächlich ist es noch viel weniger Zeit, im Durchschnitt. Aber zwei Minuten wirkt so unglaubwürdig, darum habe ich die Zeit verlängert.
(3) Welzer (2015) selbst gibt an, dass er diese Geschichte von der Wiesba­dener Agentur Scholz & Volkmer übernommen hat. S. 150 f.
(4) Sommer, Welzer 173f.

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