Allgemein

Widerstandskraft des Systems
„Richtung ändern!“

Die anstehende Wandel ist ein Prozess, der überall be­ginnt und ständig wei­terführt. Dass dieser nicht ohne Wi­derstand, Abwehr und Reaktionen ablau­fen kann, ist offensichtlich. Der Pro­zess wird uns viele Jahre beschäftig­en, daher ist es sinnvoll auch Ziele zu formul­ieren, die in zehn Jahren erreicht werden. Hier kommt die Entwicklungsnotwendigkeit zum Ausdruck. Es handelt sich nicht um einmalige Entschei­dungen, die hier oder dort getrof­fen werden. Es ist wichtig zu wis­sen, dass es wäh­rend dieses Prozes­ses immer Kräf­te geben wird, die Stopp ru­fen und Um­kehrung wollen. Das ist gut, wenn wir diese als mahnende Instanz wahrnehmen, die uns, vor dem Aufbruch und vor der nächsten Verände­rung, noch ein­mal darauf auf­merksam machen, ob das, was wir än­dern wollen, nicht doch Qualitäten hat. Anstren­gend an den kon­servativen Kräften ist, dass sie meist diejeni­gen zur Lobby haben, denen sie gerade einen Nutzen verschafft ha­ben. Aber es wäre schön, wenn das die ein­zigen Widers­tände wä­ren, die zu erwar­ten sind. Doch der ganze Ap­parat wird sich in Bewe­gung setzen, um nichts zu ändern. Das dürfen wir nie vergessen. Die Transformatio­n, so nö­tig und un­ausweichlich sie auch ist, wird sich gegen das Bestehende durchsetzen müs­sen. Unabhängig da­von, dass das Be­stehende selbst nicht funktioniert. Denn das Be­stehende hat auch Ge­winner. Ganz große und viele kleine. Exxon gab in den Jahren 2014 und 2015 100 Millio­nen Dollar täglich für die Suche nach Öl- und Gasvor­kommen und deren Erschließung aus. Die­ses Geld wird ausgegeben mit dem Ziel, dass diese Inves­titionen in den Folgejahren Profit abwerfen. Nur ein Bruchteil die­ser Summe wäre nötig, um über Marktanreizprog­ramme jeg­liche Ansätze zur Redu­zierung der Produk­tion zunichte zu ma­chen.12576219_10153930396427049_591788069_n

Den Profiteuren eines kapitalistischen Systems dient die bestehende Umvertei­lungsdynamik. Das bedeutet, dass gegen einen grundsätzli­chen Wan­del eine übergroße Ma­schine agiert. Und so traurig es auch ist, so real wird es sein: Schneller als wir uns das vorstellen kön­nen, deutli­cher als wir es erwarten und zugleich so raffiniert, dass wir eine Zeitlang denken wer­den, dass „deren“ Interessen unse­ren gleichen, werden Gegenbewegungen, sobald sie ein gesell­schaftspolitisches Gewicht erhalten und der Wind des Wandels bis­lang unbewegte Bereiche zu erfas­sen droht, einges­chüchtert, eingeschränkt und in Teilen auch verboten werden.

Heute erscheint Widerstandskraft des Systems
S. 37 bis 42 von „Richtung Ändern!“ – Das Buch zur Wahl
Einen Abschnitt zurück bitte hier klicken.

Der Weg, den wir gehen werden, führt uns heraus aus ei­nem ka­pitalistischen System und hinein in eine Post­wachstumsgesellschaft. Der Ort, der Umstand, aus dem wir herauswollen, ist viel genauer benennbar als der Ort und der Umstand, zu dem wir wol­len. Aber dieser Ort, dieser utopische Ort, ist immer noch genauer darstellbar als der Weg, den wir zu wählen haben. Auch wenn wir eine Vielzahl Anregungen ha­ben, auch wenn es histori­sche Bei­spiele gibt und eine große Anzahl von schon aus­probierten Ideen, jede einzelne Gemein­de, jede Stadt geht ihren eigenen Weg und findet diesen im Gehen.

Ich kann den Sozialtheoretiker David Harvey ver­stehen, wenn er zwar einerseits die „Termitentheo­rie“ des revolu­tionären Wandels, also das gleichzeitig­e Na­gen an ver­schiedenen Orten, als wirk­mächtig begreift, aber dennoch davor warnt, dass die Kammerjäg­er des Systems den Ter­miten schon den Garaus ma­chen wer­den. „Es wäre un­redlich … zu meinen, es bedürfte kei­nes akti­ven Kampfes, zu dem auch ein gewisses Maß an Gewalt gehört. Der Ka­pitalismus kam „blut- und schmerztriefend“ auf die Welt, wie Marx einmal sag­te. Wenn es vielleicht auch schmerz­freier ge­lingen kann, aus ihm heraus- als in ihn hineinzu­kommen, so ste­hen die Wetten schlecht, dass wir auf völlig fried­liche Weise ins gelobte Land ziehen können.“(1) Von alleine wird er auf je­den Fall nicht fallen, einen Stoß braucht es schon. Nie dürfen wir verges­sen, dass es kon­krete Interessen gibt, die eine Umkehr verhindern wollen und die bereit sind, so gut wie jeden Preis dafür zu bezah­len. „ Je­der Ver­such, Oligar­chien von ihren extraktiven Positio­nen zu vertreiben, wird Widerstand auslö­sen, von gespiel­ter Zer­knir­schung und zur Schau getragener De­mut bis zum Ver­such, in jeder nur denkbaren Weise eine ord­nungspolitisch wirksame Gesetzgeb­ung zu hintertrei­ben. Dafür gibt die Finanzindustrie dem Verneh­men nach längst Hunderte Millionen Euro jährlich aus.“(2) Die Mi­schung aus Verlo­ckung und realer Ge­walt, also die Ge­walt, die auf uns einwirkt, wird uns Kraft neh­men. Zuckerbrot und Peit­sche ist ein Pro­gramm, welches funk­tioniert.

Alternativ zu dieser Entwicklung und angenehmer in der Vorstel­lung sind die Überlegungen, dass sich die Alternat­ive zum derzei­tigen System jetzt schon kon­kret an vie­len Orten zeigt, Nischen besetzt und sich kleinräumig entfaltet. Doch heute schon begin­nen die Vernetzungen der Nischen, das vorherrschen­de Sys­tem wird von ei­nem Netz der Alternativen durchzo­gen, wie ein Pilz breitet sich die Antwort auf die Kri­sen aus. Bei einem weiteren Absinken der Legitimität des Bestehenden wer­den auch die Ent­scheidungsträger*innen und die Multiplikator*in­nen dazu kommen, das, was bislang einzig­artig war, in Frage zu stel­len. Der Pilz kommt dann aus dem Boden, der Herbst der Kapita­lismus be­ginnt. Wenn wir die Wahl haben (und ich empfehle, dass wir uns politisch so verhalt­en, dass wir sie haben werden), dann sollten wir uns für diese Form des Keimens von Alternativen entscheiden. Dar­an ist beste­chend, dass es in unserer ganz konkre­ten Macht steht, vor Ort die Bedingungen für die Nischen zu schaffen und wir sowohl auf Anzahl, auf Sichtbarkeit, auf Akzeptanz Einfluss nehmen kön­nen. Eine solche Ent­scheidung wäre nachhaltig und zukunfts­fähig, dann wür­den wir kommunal Politik ma­chen und wirklich beginnen, die großen Räder zu dre­hen.

Zurück zur Veränderung im kommunalen Raum: Der kul­turelle Wandel in ei­ner Nachbar­schaft, in einem klein­räumlichen Zusam­menhang, in einem Ort könn­te ein zwischenmenschlich warmes Fundament schaf­fen, neue Kommu­nikations- und Austauschfor­men, ein be­greifbares Miteinander, welches uns so resilient macht, dass wir der Gewalt des Staates etwas entge­gen stellen kön­nen und an der Alternative weiterden­ken können. Vor Ort können wir konkret erfahren, dass Verzicht auf das eine ein Ge­winn für das andere ist. Im Mitein­ander ist es möglich zu erkennen, dass Um­verteilung Kräfte frei setzt und Chan­cen bietet. Auf diesem Fun­dament gedeiht der Wunsch, den Ka­pitalismus abzuschaffen und wenn das die Bevöl­kerung nicht will, dann geht es nicht. Da ist es beruhi­gend zu wissen, dass nach einer Umfrage sich 80 % der Bun­desbürger eine neue Wirtschafts­ordnung wünschen. Zwei Drittel der in der von der Bertelsmann-Stiftung 2012 durchgeführ­ten Befragung misstrauen den Selbstheilungskräften der Märkte. Sie sind der Ansicht, dass der Kapita­lismus weder für einen sozia­len Ausgleich in der Gesellschaft noch für den Schutz der Umwelt oder für einen sorgfältigen Um­gang mit den Ressour­cen sor­ge. Dass das Wirtschaftswachs­tum die eigene Lebens­qualität steigere, wird auch nur noch von ei­nem Drittel der Bun­desbürger*innen angenommen, wie die Wo­chenzeitung Die Zeit schreibt.

Doch wieso sollte der Staat Gewalt anwenden, wenn sich Men­schen aufma­chen, Kommunikations- und Austauschformen zu verändern und nach ihren Wün­schen zu gestal­ten, was spricht ge­gen eine neue Wirtschaftsordnung, wer wendet sich gegen die Ni­schen, sobald sie beginnen keine mehr zu sein? Solche Verände­rung ha­ben Auswirkungen und am Ende geht Profit verloren. Und damit wird das bestehende Sys­tem fundamental verändert, denn das Fundament ist der Profit. Wenn sich Men­schen für die Zucht von Gemü­sesamen einsetzen, die sich selber weiter vermehren und nicht nur ein Jahr tra­gen, dann wird ein Gesetz dagegen ge­schrieben. Dass wir die Schul­zeiten verkürzen und das Studi­um straffen und dann nachher, scheinbar be­stürzt feststellen, dass die heutige Studie­rendengeneration die un­politischste ist, die es je gab: Das verhin­dert auf radikale Art, dass Raum ist für die Umge­staltung der Gesellschaft. Diese gesell­schaftliche Gestal­tung ver­hindert ihre eigene Umgestal­tung. Ach ja, ich vergaß es fast: Alles zum Wohle der Kin­der und zum Wohle des Marktes. Der Profit ist der Mehr­heit auch dann heilig, wenn andere ihn machen, weil die Hoff­nung in uns ge­planzt wurde, dass wir selbst vielleicht auch bald an den dampfenden Töpfen sitzen.

(1) David Harvey (2014): Das Rätsel des Kapitals entschlüsseln. VSA Verlag. S. 242
(2)
Der Kapitalismus – kreative Zerstörung? Rede von Bundespräsi­dent a.D. Prof. Dr. Horst Köhler in Herrenberg am 31. Januar 2013

Weiter zu Ängste

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *