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Einleitung (Teil 2)
„Richtung ändern!“

Wir stehen am Bahnhof, das Ticket in der Hand. Der Be­ginn einer Reise. Viel spricht dafür, dass es eine lange Rei­se werden wird. Diese Reise hätten wir schon vor ei­niger Zeit planen können. Das haben wir aber nicht. Sie wird uns verändern.

Tickets - Martin Jäger
Martin Jäger – pixelio.de

Der bevorstehen­de Wandel ge­schieht nicht plötzlich, sondern wird viele Jahre in An­spruch neh­men. Er kommt nicht über uns, sondern wir kön­nen ihn gestalten. Aber es gibt keinen Fahrplan. Wir sollten uns nicht darüber wun­dern, dass wir verunsi­chert am Bahn­hof stehen und wir dürfen uns auch ein­gestehen, dass wir noch über­haupt nicht wissen, wie das geht, dieser Wan­del. Wir wissen, dass wir Verän­derungen benötigen, aber

  • wir wissen nicht, wie wir diese vermitteln,
  • wir wissen nicht, wie sich anfühlt, was sich dann ge­wandelt hat,
  • wir wissen nicht, wie wir mit falsch einge­schla­ge­nen We­gen umgehen werden,
  • wir wissen nicht, wie wir diese korrigieren kön­nen.

Zurecht ist uns mulmig. Der Wandel hat etwas zu tun mit unse­rem individu­ellen Lebensstil, es geht um die Verän­derung des so­zialen Nahraums, der Nachbar­schaft. Der Wandel hat auch etwas zu tun mit der Demok­ratisierung aller Lebensbereiche und der Fortent­wicklung und Ausge­staltung des solidarischen Miteinan­ders. Es geht auch um konkrete in­dividuelle Handlun­gen. Doch die Idee, al­lein mit individualisti­schen Strate­gien gegen das anzuge­hen, was zu verän­dern ist, hat al­lerhöchstens be­täubende Wir­kung(1), die Ansteckungs­wirkung ist begrenzt.

Heute erscheint die Einleitung – 2. Teil
S. 18 bis 22 von „Richtung Ändern!“ – Das Buch zur Wahl
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Ich bin mir sicher, dass wir beginnen müs­sen in großen Zeiträu­men zu den­ken. Dieser Umstand ist ein Problem. Ich gehö­re überhaupt nicht zu denjenigen, die auch in der Kommunal­politik ein aus­schließliches Den­ken in Wahlpe­rioden wahrneh­men. Wir treffen in der Gemeindevertre­tung in Kau­fungen ganz konkret Ent­scheidungen, die weit in die Zukunft reichen. Und wenn ich mir die eigene Frak­tion ansehe, dann erlebe ich oft Dis­kussionen, in de­nen jemand sagt: „Das fordern wir auch dann, wenn wir dadurch aus der Vertretung heraus gewählt wer­den. Denn diese Forderung ist richtig und in unserem Sinne. Daher stellen wir sie ohne Angst vor den Kon­sequenzen.“ Un­sere Denk­zeiträume müssen groß sein, da der Kultur­wandel zum Teil auf un­sere Denkstrukturen Einfluss neh­men muss. So beweglich der Mensch letzt­endlich auch ist, die Erkenntnis, dass der Lebensstan­dard sich verändern wird, reift nur lang­sam und noch langsamer gewöhnen wir uns an den Ge­danken. Am Klimawandel lässt sich die Anfor­derung von langsamer Entwick­lung sehr gut dar­stellen. Denn dieser wird ganz konkret die politi­schen Entscheidun­gen beeinflussen. Überall werden Ant­worten gegeben wer­den und Aktionen sind gefragt, im schlech­teren Fall jedoch sind Re­aktionen gefor­dert. Doch die Wir­kungen dieser Entscheidungen werden wir nicht mehr erfahren, sondern sie wirken zum Teil erst nach unserer Zeit. Wir be­finden uns zudem noch in gegen­läufigen Be­wegungen. Weiterhin beschleu­nigt sich unser Leben. Wei­terhin suchen wir schnelle Verbindung­en und die techno­logische Entwick­lung fordert uns. Die digitale Vernetzung schreitet voran und ob dieses Netz uns trägt, wissen wir nicht. Leicht springen die jüngeren wie die technikinteres­sierten Menschen auf den nächsten Trend auf. Doch in meinem konkreten Umfeld sind die über 40-jähri­gen zum Teil schon überfordert oder überhaupt nicht mehr interes­siert. Ein Bestandteil des Wan­dels wird auch die Reduzier­ung von Geschwindigkeit sein, Slow-Life wird ein neuer Trend werden müssen.

Hilfreich ist ein Blick zurück, denn es gab ein Leben vor diesem Turbowachs­tum. „Es war eine Zeit sozia­ler Inno­vationen: Urban Gardening, Volxküchen und Tauschrin­ge waren nur der Anfang. Müll wurde recy­celt, Wertstof­fe wur­den gesammelt, Butterbrotpa­pier wurde glattgestrichen und mindestens zwei­mal ver­wendet. Wir saßen auf Komposttoiletten, verwende­ten auch dort Altpa­pier. Zweimal in der Woche ka­men unsere Partner aus der soli­darischen Landwirt­schaft und brachten frisches Biogemüs­e bis vor die Haustür; Fleisch gab es einmal die Wo­che. Carsharing und Couch­hopping sparten Ressourcen, auch längere Wege gingen wir zu Fuß. Die Wohnungen waren klei­ner und gut wärmegedämmt. Zwölf Parteien teilten sich eine Waschmaschine, defekte Ge­räte wurden repariert, abgetragene Textilien umgeschneidert, alte Pull­over aufgeribbelt. Die Kinder wurden nicht mit Plastikspiel­zeug überschüttet – da­für spielten sie auf verkehrsberu­higten Straßen. Bei all dem herrschte Zeit­wohlstand: Es wurde mehr gelesen, mehr gespielt und gesungen als heute, die heruntergekommenen Schulen wurden in Nachbarschaftshilfe in Schuss ge­bracht. Wa­denwickel er­setzten Aspirin oder Grippe­pillen. Und wir haben in die­sen Jahren sogar noch Flüchtlinge aus vom Krieg verheerten Gegenden auf­genommen. Das Leben war nicht schlecht – jeden­falls im Rückblick. … Es war anstrengen­der, aber geselli­ger. Vor allem: die übergroße Mehrheit lebte so. Si­cher, die Eigentümer von Land oder Produktionsmitteln änderten auch damals nicht ihr Le­ben. Doch aufs Ganze gesehen waren die meisten Men­schen viel­leicht sogar zufriedener.“(2) Als meine Großmutter starb, schrieb ich folgenden Text: „In der Küche stand ein Schrank gleicher Bau­art, wie der Schrank im Büro meines Großvaters. Vielleicht 40 Zentimeter im Quadrat und zwei Meter hoch, an der Türinnensei­te kleine Haken für Tü­cher, Staublappen und Schere. Und auf den Regalbrettern kleine Schachteln. Eine mit Schnürsen­keln. Daneben ein Glas mit gebrauchten Gummiringen. Gefaltete und ge­glättete Brottüten und gebrauchtes Geschenkpapier. Weih­nachten. Wir verteilen Geschenke. Oma nimmt ihres und löst den Tesafilmstrei­fen, der das Papier hält. Den abge­lösten Streifen klebt sie sich auf den Handrücken und löst den nächsten. Wenn alle Tesafilmstrei­fen gelöst und unse­re Geduld bis aufs äußerste strapaziert war, wickelte sie das Geschenk aus dem Papier und widmete sich dann aber zuerst dem Papier. Noch bevor sie das Geschenk aus dem nun ausgepackten Karton nahm, faltete sie das Pa­pier, zog die Kanten glatt und löste dann erst die Tesa­filmstreifen von ihrem Handrücken und warf sie in den Müll. Erst jetzt nahm sie den Karton und öffnete ihn.

Es scheint so unsinnig geworden zu sein, ein Schächtel­chen mit Schnürsenkeln zu haben, ein Döschen mit Schnurresten, ein Glas mit gebrauchten Gummibän­dern. Wir sind angekommen in einem Zeitalters des Ver­brauchs. Wir befinden uns im Zeitalter des Kon­sums, ei­nes Konsums, der unsere Notwendigkeiten so sehr verlas­sen hat, dass wir eine Werbemaschine am Laufen halten müssen, die daran arbeitet, uns unsere Bedürfnisse zu erklären, diese zu formen und neue entstehen zu las­sen. Unsere Fähigkeit unsere Konsumgewohnheiten in einen globalen Zusammenhang zu stellen, ist abge­stumpft. Der sogenannte zi­vilisierte Mensch ist kein Mensch, der an der Konsummaschine steht und an und mit ihr arbeitet. Maschinenbesitzende sind die Konsumie­renden schon gar nicht, sondern schlicht ein notwendiges Rädchen in ihr.“

Darüber machte sich meine Großmutter vermutlich keine Gedan­ken, sondern sie nahm Gummibänder und Schnür­senkel und Brottüten als zu schonende Ressource wahr. Diese Wahrnehmung wurde viele Jahre aus unterschiedli­chen Beweggründen kultiviert. In Alt-Elft3 kam die Milch in Kannen und das Mehl in großen Sä­cken. Während der Flucht und in den entbehrungsreichen Jahren der Nach­kriegszeit waren die Dinge wertvoll, da nur im Mangel vorhanden. Und später hatte sich daraus ein verinnerlich­tes Han­deln entwickelt. Es wäre wohl nicht berechtigt, meiner Großmut­ter hier bewusstes und damit politisches Han­deln zu unterstellen. Bedingungen formten ihr Han­deln, so wie die Konsum­be­din­gun­gen heute unser Han­deln formen. Darum freuen wir uns wirklich über das neue Apple Handy, welches unser altes ersetzt, obgleich es keine nachvoll­ziehbare Erklärung gibt, warum wir es über­haupt benötigen. Unsere Entschei­dungsfreiheit ist konstruiert und damit etwas ganz anderes als Freiheit.

(1) Vgl. Welzer, Harald (2010): Klimakriege. Wofür im 21. Jahr­hun­dert ge­tötet wird. Fischer Taschenbuch Verlag. S. 268

(2) aus Greffrath, Mathias: Wider die globale Unvernunft. Monde Diplomati­que. Atlas der Globalisierung 2015. S. 11

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